Indien: Ästhetik des Chaotischen

8. Juli 2016

Indien, Kultur/Geschichte

Rikschas und Mopeds, quer durcheinander. (Foto: Sören Peters)

Alltagsszene aus Delhi. (Foto: Sören Peters)

Das US-Magazin National Geographic hat die Reisefotografen des Jahres gekürt – den Link dazu gibt’s am Ende des Posts. Was auffällt: In den Top 3 der Kategorie „Menschen“ befinden sich gleich zwei Motive aus Indien. Zurecht! Das Land ist für (Hobby-)fotografen ein Paradies. Aber warum ziehen Bilder vom Subkontinent und seinen Bewohnern uns westliche Betrachter so sehr in ihren Bann? Was macht diese Faszination aus? Ein Erklärungsversuch.

Ich will Euch verschonen mit Floskeln wie „hinter jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken“. Das gibt es nämlich auch in Köln, Berlin und Hintertupfingen. Ich denke, die Faszination rührt daher, dass Indien der komplette Gegenentwurf zu dem ist, was wir in Europa kennen. Der Subkontinent ist mit das letzte Fleckchen Erde, wo man als Westler noch einen Kulturschock erleben kann.

Verhandlungen auf dem Spice Market in Old Delhi. (Foto: Sören Peters)

Verhandlungen auf dem Spice Market in Old Delhi. Ob es dabei wohl um die Ware am rechten Bildrand geht? (Foto: Sören Peters)

In unserem Alltag sind wir es gewohnt, dass alles in geordneten Bahnen verläuft. In Indien aber hat das Chaos ein ganz eigenes System, das den Betrachter (und Leidtragenden) erst ratlos macht, dann aber irgendwie doch in seinen Bann zieht und aus seinem Alltag, aus seinen erlernten Verhaltensmustern, ausbrechen lässt. Dass der Verkehr von links und rechts kommt? Gewöhnt man sich dran. Da drüben steht eine Badewanne auf dem Dach? Super, die haben Wasser! Jemand hockt sich vor Deinen Augen auf eine Mauer und verrichtet sein Geschäft? Prima, das ist ein gutes Zeichen dafür, dass er gegessen hat.

Behausungen unweit des Lotus-Tempels. (Foto: Sören Peters)

Behausungen unweit des Lotus-Tempels. (Foto: Sören Peters)

Das ist doch schließlich auch einer der Aspekte, die das Reisen an sich so spannend machen – das Hier und Jetzt gegen das Dort und Irgendwann einzutauschen, unsere Blickweise auf die Dinge zu ändern oder zu erweitern. Und den Komfort, den wir hier in unseren vier Wänden genießen, zumindest zeitweise zu reduzieren und uns auf das zu beschränken, was wir wirklich brauchen. Das ist auch eine Art Reinigung der Seele, das befreit.

Morgens an und auf der Main Bazar Road in Paharganj, New Delhi. (Foto: Sören Peters)

Morgens an und auf der Main Bazar Road in Paharganj, New Delhi. (Foto: Sören Peters)

Ähnlich wie die Schönheit, die im Auge des Betrachters liegt, gibt es eine – ja, wie soll ich es nennen? – eine Ästhetik des Morbiden. Wenn wir Reisemagazine oder Internetseiten durchstöbern, finden wir allzu häufig Fotos von in Szene gesetzten Monumenten: Das Taj Mahal im weichen Licht des Sonnenaufgangs, junge Frauen in bunten Saris. Keine herumfliegenden Plastiktüten und kein Kuhschiss trüben das Bild, keine Hutzeloma vorm Tempel und kein Müllhaufen vorm Bahnhof. Doch all das in der Summe macht Indien aus.

Links: Ein Barbier auf dem Gehsteig, unweit der Jama Masjid. Rechts: Heimliches Date. Am Safdarjung-Mausoleum treffen sich viele junge Paare, fern von den Blicken der Familie. (Foto: Sören Peters)

Links: Ein Barbier auf dem Gehsteig, unweit der Jama Masjid. Rechts: Heimliches Date. Am Safdarjung-Mausoleum treffen sich viele junge Paare, fern von den Blicken der Familie. (Foto: Sören Peters)

Was macht einen Fotografen glücklicher, als in einem Moloch wie Delhi die kleinen Momente festzuhalten, die ein Dreckloch liebenswert machen? Der Babier, der auf dem Gehsteig seine Kunden rasiert. Das junge Mädchen, das verträumt auf einer Stufe des Safdarjung-Mausoleums sitzt und auf den heimlichen Freund wartet. Der kleine Schrein, an dem Gläubige mitten am belebten Connaught Place einen Moment der Ruhe finden.

Wer ist hier der Boss? (Foto: Sören Peters)

Wer ist hier der Boss? (Foto: Sören Peters)

Eine Aufgabe des Journalisten ist es, das Ferne und Fremde greifbar zu machen und zu erklären. Fotos helfen, solche Momente und Geschichten festzuhalten; sie zeigen, wie „die da“ aussehen, leben und leben lassen. Berufe wie Lastenträger oder Rikscha-Zieher gibt es in Europa nicht mehr und vermutlich hätten wir auch ein schlechtes Gewissen, es wäre uns überpeinlich, uns wie Kolonialherren von einem ausgemergelten alten Mann durch den Smog ziehen zu lassen. In Indien standesgemäße Realität. Politisch korrekt? Nie was von gehört!

Moment der Spiritualität im Goldenen Tempel in Amritsar. (Foto: Sören Peters)

Moment der Spiritualität im Goldenen Tempel in Amritsar. (Foto: Sören Peters)

Solche Augenblicke einzufangen, das ist Reiz, Herausforderung und Freude. Und dafür ist Indien ein wahrer Quell. Hinter jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken ;-)

National Geographic – Reisefotos des Jahres // Mein flickr-Stream zu Indien

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Über Sören Peters

Jahrgang 1984. Ruhrgebietler, Köln-Immi. Hauptberuflich Redakteur, nebenbei Reiseleiter in London. Verliebt in Thailand und Südostasien. Verheiratet mit einer Portugiesin. Stolzer Papa. Gerne unterwegs, gerne zuhause.

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PAUSE!

Liebe Leser, liev Fründe, seit einigen Wochen hat sich ja hier nichts mehr getan auf der Seite. Mit guten Gründen. Wir sind aus der Stadt in unser Eigenheim gezogen. Statt Artikel zu schreiben stand erstmal das Verlegen von Laminat und das Zusammenbauen von Ikea-Möbeln im Vordergrund. Und es gibt auch weiterhin viel zu tun in meinem neuen Lebensabschnitt. Nicht nur privat, sondern auch beruflich bin ich stärker eingebunden als noch vor ein paar Monaten. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, den Blog erst einmal auf Eis zu legen und mich nur noch um flickr und Instagram zu kümmern. Ich verzichte bewusst auf die Formulierung, dass ich "schweren Herzens" in die Blogpause wechsel, da ich nichts, was ich zugunsten meiner Familie entscheide, schweren, sondern leichten Herzens tue. Und wo eine Pausetaste ist, gibt's bestimmt auch irgendwo einen Resetknopf. Bleibt mir gewogen.

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