Liverpool: Lust, Leid und Leidenschaft

8. Juni 2016

Woanders

Choreo auf der Kop vor dem Europa-League-Viertelfinale gegen den BVB. (Foto: Sören Peters)

Choreo auf der Kop vor dem Europa-League-Viertelfinale gegen den BVB. (Foto: Sören Peters)

Eine Leidenschaft in mir, die noch älter ist als das Reisen, ist der Fußball. Seit mein Papa mich 1988 zum ersten Mal ins Westfalenstadion mitgenommen hat, hat mich die ganze Sache nicht mehr losgelassen. Und dabei geht es um weit mehr als um 90 Minuten auf dem Rasen, die von elf (inzwischen beliebig austauschbaren) Spielern bestritten werden. Es geht ums große Ganze, ums Drumherum. Bei Heimspielen die Freunde und die Familie zu treffen, um lokale Identifikation und – besonders seitdem ich in Köln wohne – um die Nähe zu meinen Wurzeln. Du kriegst mich aus dem Pott, aber den Pott nicht aus mir.

The Kop, die legendäre Tribüne in Anfield. (Foto: Sören Peters)

The Kop, die legendäre Tribüne in Anfield. (Foto: Sören Peters)

Lust: Liverpool auswärts

Auswärts kann ich zwar nicht mehr so oft dabei sein, aus Rücksicht auf Frau, Kind und Job, doch ein bis zwei Rosinen dürfen es dann doch sein pro Saison. Und als bei der Auslosung des Europa-League-Viertelfinals Liverpool und Dortmund als letzte verbleibende Kugeln im Topf lagen, lief die Flugsuchmaschine auf Hochtouren. Auch wenn der Ausgang jedem bekannt sein sollte, muss ich sagen, dass es doch eine der schönsten internationalen Touren mit dem BVB war, die ich erleben durfte.

Gedenkstätte am Stadion für die Opfer von Anfield und Erinnerungstafel für Heysel, rechts daneben. (Foto: Sören Peters)

Gedenkstätte am Stadion für die Opfer von Anfield und Erinnerungstafel für Heysel, rechts daneben. (Foto: Sören Peters)

Leid: Hillsborough und Heysel

Wohl kaum ein Verein versprüht so viel Flair und Tradition wie der große FC Liverpool. Keine englische Fanszene ist noch so dabei wie die Kop, kein englischer Verein konnte seinen Charakter trotz milliardenschweren Investoren so bewahren wie der LFC. Und keine andere Fanszene wurde von schweren Katastrophen so gebeutelt wie die der Reds. Im Jahr 1989 starben 96 Liverpool-Fans als in Hillsborough (Sheffield) bei einem Pokalspiel eine Panik ausbrach. Erst Ende April 2016 wurde ein Untersuchungsbericht veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass die Polizei folgenschwere Fehler begangen hat und die Fans unschuldig waren. Bereits vier Jahre zuvor starben bei einer Massenpanik 39 Menschen im Brüsseler Heysel-Stadion, als Liverpool und Juventus Turin im Finale des Europapokals der Landesmeister aufeinandertrafen. Heute erinnern Gedanktafeln am Stadion an die Toten. Kaum jemand geht an ihnen vorbei, ohne diese kurz zu berühren.

Empfang der Spieler vor dem Stadion. Für England völlig untypisch mit Pyro. (Foto: Sören Peters)

Empfang der Spieler vor dem Stadion. Für England völlig untypisch mit Pyro. (Foto: Sören Peters)

Leidenschaft: Explosion der Emotionen

Was um und im Stadion selbst los ist, ist Leidenschaft pur. Wer den Fußball liebt, liebt Anfield. Klar, es ist geil, wenn das ganze Stadion die „Fields of Anfield Road“ anstimmt und wirklich alle mitmachen. Es ist geil, wenn Du nach zehn Minuten 2:0 führst, oder 3:1 eine knappe halbe Stunde vor Schluss. Und es ist geil, wenn Du erlebst, wie ein ganzes Stadion explodiert, wenn in der Nachspielzeit das 4:3 fällt – in diesem einen Moment allerdings ist es scheiße, wenn Du Fan der gegnerischen Mannschaft bist. Ich halte das ja noch immer für eine Strafe durch den Fußballgott. Denn wenn der irgendwo wohnt, dann in Anfield. In der Halbzeit, als der BVB 2:0 vorne lag, haben wir uns bereits über mögliche Wunschgegner im Halbfinale unterhalten. Der da oben muss das wohl als Lästerung aufgenommen haben und wollte uns mal zeigen, wozu er in der Lage ist. Vermutlich ist es deshalb so schwierig zu beschreiben, was dort eigentlich passiert ist.

An den Liverpooler Docks. (Foto: Sören Peters)

An den Liverpooler Docks. (Foto: Sören Peters)

Das Dortmund am Mersey

Wie dem auch sei: Im Ortsteil Anfield und in der Innenstadt habe ich viele Parallelen zu Dortmund erkannt. Ähnlich wie meine Heimatstadt auch hat Liverpool einen Strukturwandel hinter sich, hier und da maroder Charme, doch größtenteils generalüberholt. Vielleicht war auch das ein Grund, warum ich mich am Mersey auf Anhieb an wohlgefühlt habe. In Dortmund versenkten sie eine Industriebrache im Phoenix-See, in Liverpool bauten sie ihre Docks zu Restaurants und Museen um. In Dortmund tüftelten sie an einem neuen Konzept für die Innenstadt herum, in Liverpool stampften sie ein hochmodernes Einkaufszentrum aus dem Boden, das sich hinter London nicht verstecken braucht. In Dortmund lagen sie Jürgen Klopp zu Füßen. In Liverpool tun sie es heute noch.

Liverpool ist das bessere London

Und: Da ich als London-Guide nur die dortigen Wucherpreise gewohnt war, habe ich die Lebenshaltungskosten ganz besonders gefeiert. 2.20 GBP, um von Anfield ins Stadtzentrum zu gelangen! 2.20 GBP für ein Pint Lager – kein half – sondern ein ganzes! Zu zweit essen gehen inkl. Getränk für unter 20 GBP! Beim Bezahlen wischte ich mir Tränen der Rührung aus den Augen.

Ich komme gerne wieder!

Die St. George's Hall, gleich gegenüber der Lime Street Station und unweit der Fußgängerzone. (Foto: Sören Peters)

Die St. George’s Hall, gleich gegenüber der Lime Street Station und unweit der Fußgängerzone. (Foto: Sören Peters)

Basics

Günstige Flüge nach Liverpool gibt es mit Easyjet (etwa ab Amsterdam, Berlin-Schönefeld, Genf und Salzburg). Sonst mit Eurowings nach Manchester oder Birmingham und dann weiter mit der Bahn. Beispiel: Die Fahrt von Liverpool Lime Street nach Birmingham International dauert ca. zweieinhalb Stunden (Umstieg in Birmingham New Street) und kostet – vorab via Internet gebucht – bei Virgin Trains unschlagbare 7.50 GBP. Übernachtet haben wir im Hatters Hostel in der Nähe der Lime Street Station.

Weitere Fotos aus der Stadt in meinem flickr-Stream

In Anfield. (Foto: Sören Peters)

In Anfield. (Foto: Sören Peters)

Vor dem King Harry Pub unweit des Stadions. Der Capo gehört auf's Dach! (Foto: Sören Peters)

Vor dem King Harry Pub unweit des Stadions. Der Capo gehört auf’s Dach! (Foto: Sören Peters)

"Büro" der Hillsborough Justice Campaign. (Foto: Sören Peters)

„Büro“ der Hillsborough Justice Campaign. (Foto: Sören Peters)

Docks am Mersey. (Foto: Sören Peters)

Docks am Mersey. (Foto: Sören Peters)

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Über Sören Peters

Jahrgang 1984. Ruhrgebietler, Köln-Immi. Hauptberuflich Redakteur, nebenbei Reiseleiter in London. Verliebt in Thailand und Südostasien. Verheiratet mit einer Portugiesin. Stolzer Papa. Gerne unterwegs, gerne zuhause.

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PAUSE!

Liebe Leser, liev Fründe, seit einigen Wochen hat sich ja hier nichts mehr getan auf der Seite. Mit guten Gründen. Wir sind aus der Stadt in unser Eigenheim gezogen. Statt Artikel zu schreiben stand erstmal das Verlegen von Laminat und das Zusammenbauen von Ikea-Möbeln im Vordergrund. Und es gibt auch weiterhin viel zu tun in meinem neuen Lebensabschnitt. Nicht nur privat, sondern auch beruflich bin ich stärker eingebunden als noch vor ein paar Monaten. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, den Blog erst einmal auf Eis zu legen und mich nur noch um flickr und Instagram zu kümmern. Ich verzichte bewusst auf die Formulierung, dass ich "schweren Herzens" in die Blogpause wechsel, da ich nichts, was ich zugunsten meiner Familie entscheide, schweren, sondern leichten Herzens tue. Und wo eine Pausetaste ist, gibt's bestimmt auch irgendwo einen Resetknopf. Bleibt mir gewogen.

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