Zu Fuß durch Delhi: Plädoyer für die Langsamkeit

18. Mai 2016

Indien

So praktisch die Metro auch ist - ein Gefühl für Delhi bekommt man erst, wenn man zu Fuß unterwegs ist. (Foto: Sören Peters)

So praktisch die Metro auch ist – ein Gefühl für Delhi bekommt man erst, wenn man zu Fuß unterwegs ist. (Foto: Sören Peters)

Das Gute an Delhi ist, dass die Stadt über ein gut ausgebautes Metronetz verfügt. So lassen sich die bisweilen doch großen Entfernungen ohne Taxi-Abzocke überwinden. Aber: So richtig fühlt man eine Stadt erst, wenn man den Stadtplan in den nächstbesten Mülleimer (oder in Delhi: auf die Straße) pfeffert und sich einfach treiben lässt. Ganz ohne Sightseeing-Stress.

Zeit und Muße dafür hatte ich am letzten Tag meines Indien-Aufenthalts. An den Tagen zuvor hatte ich mir doch ein recht straffes Programm geschnürt, doch wenn man nur wenig Zeit hat und möglichst viel sehen möchte, ist das eben der Preis dafür. In Indien Pläne zu schmieden ist in etwa so, als würde man auf einem rutschigen Baumstamm über einen Bach balancieren: Kann gut gehen, muss aber nicht. In meinem Fall hat jedoch alles problemlos funktioniert und ich konnte den geplanten Spare Day gemütlich in der Stadt verbummeln, sofern sich die Worte ‚gemütlich‘ und ‚Delhi‘ nicht gegenseitig ausschließen.

Ich ließ also die Canon-DSLR bewusst im Hotel an der Main Bazar Road und schlenderte ganz unbelastet los. Richtung New Delhi Station, vorbei am allmählich monotonen „Tuk Tuk, Sir?“, „Room, Sir?“ und „Weed, Sir?“. Dabei fällt mir auf: Seit wann nennen Drogenhändler ihre potenziellen Kunden eigentlich ‚Sir‘?

Am Connaught Place. (Foto: Sören Peters)

Am Connaught Place. (Foto: Sören Peters)

Am Connaught Place stoppte ich an einer kleinen Teebude, trank für 10 Rupien (ca. 0,15 Euro) einen kleinen Chai und beobachtete das Treiben an dem riesigen kolonialen Kreisverkehr an diesem Freitagmorgen: gelb-grüne Tuk-Tuks, hupende Privatwagen, Businesstypen, Kinder, Tagediebe. Und ein kleiner, unscheinbarer Schrein unter einen Baum. Ein kleines Fleckchen der Spiritualität, gleich gegenüber von KFC, adidas und Lord of the Drinks.

Streetart in New Delhi. (Foto: Sören Peters)

Streetart in New Delhi. (Foto: Sören Peters)

Vorbei am Goethe-Institut, das hier Max Mueller Bhavan heißt, benannt nach einem Übersetzer religiöser Schriften aus Asien, komme ich zum Agrasen Ki Boali, einem alten Stufenbrunnen aus dem 15. oder 16. Jahrhundert. Wasser gibt es hier nicht mehr, dafür haben sich Tauben und Fledermäuse in den alten Gemäuern eingenistet, und eine ganze Horde Teenager mit ihren Smartphones auf den Treppen. Würden die Mädels nicht gackern und die Jungs keine Hahnenkämpfe austragen, es wäre komplett still. Selbst das Gehupe der Straßen ist für kurze Zeit verstummt.

Kleiner Schrein am Rande des trubeligen Connaught Place. (Foto: Sören Peters)

Kleiner Schrein am Rande des trubeligen Connaught Place. (Foto: Sören Peters)

Wieder draußen, gelange ich in eine Gasse mit richtig feiner Streetart. Education is not a crime, verkündet uns der Künstler, der sich danach Ganesha zur Brust nimmt. Durch eine ruhige Siedlung spaziere ich zur Barakhamba Road und zurück zum Connaught Place, wo ich mir einen frisch gepressten Multifruchtsaft gönne und ein wenig die Sonne genieße – und ganz unauffällig die beobachten kann, die sich vor der Sonne verkriechen: die Bettler, die Schuhputzer, die Straßenhändler und die Schlitzohren. Auf dem Weg zurück zur New Delhi Station dann wieder das gewohnte Bild: Gehupe, Betelspucke, Straßenstände und ältere Herren, die mitten in der Stadt ihr Geschäft auf dem Gehsteig verrichten.

Unterwegs vom Ajmeri Gate zur Jama Masjid. (Foto: Sören Peters)

Unterwegs vom Ajmeri Gate zur Jama Masjid. (Foto: Sören Peters)

Da mein Magen sich langsam bemerkbar macht, schlage ich den Weg nach Old Delhi ein, in dieses Gewirr aus Rikschas, Fahrrädern, Mopeds, Tuk-Tuks, Menschen, Farben und Gerüchen. Auf meinem Weg zur Jama Masjid komme ich vorbei an kleinen Handwerksläden und Minibaumärkten. Ich bin froh, diesmal von keinem Händler angesprochen zu werden. „Hey, Sir, you want to buy a Wasserdruckmessgerät?“ wäre nun auch wirklich das Blödeste, was hier passieren könnte. Stattdessen kann ich mich ganz darauf konzentrieren, nicht über den Haufen gefahren zu werden.

Karim, in einer seitengasse nahe der Jama Masjid. Hotel bedeutet übrigens Restaurant. (Foto: Sören Peters)

Karim, in einer seitengasse nahe der Jama Masjid. Hotel bedeutet übrigens Restaurant. (Foto: Sören Peters)

Mein Ziel ist Karim’s, ein kleines arabisches Restaurant im Schatten der großen Jama Masijid, leicht versteckt in einer Nebengasse. Nach der Kebaprolle der Welt setze ich mich noch eine Weile in eine Teestube gegenüber. Wobei diese Bezeichnung leicht übertrieben ist. Es gibt zwei Holzbänke und davor steht ein rundlicher Mann, der abwechselnd in zwei Töpfen rührt. Ein Tee mit Zucker, einer ohne. Ich nehme ohne, eine bittere Entscheidung, aber intensiv im Geschmack. Die kleine Sitzbank teile ich mir mit rund 100 Fliegen. Egal. Der Muezzin legt gerade los und das gefühlt ganze Viertel strömt in die Jama Masjid. Der Teemann rührt weiter in seinen Töpfen, streut Gewürze hinein, schenkt Kunden nach, die so wirken, als gehörten sie zum Inventar des Ladens. Was, wenn ich mir hier den berüchtigten Delhi Belly einfange, frage ich mich. Ach, scheißegal, ist eh der letzte Tag heute.

Auf dem Rückweg zur Main Bazar Road stören mich weder der Verkehr, noch die Händler. An das Gewusel auf den Fußgängerbrücken der New Delhi Station habe ich mich inzwischen auch gewöhnt. Habe in den vorausgegangenen Tagen ein Gefühl dafür bekommen, wie die Stadt tickt, und eine ganz ganz leise Ahnung, wie das chaotische Land funktioniert, konnte zumindest etwas den Deutschen aus mir treiben und die Dinge einfach geschehen lassen.

Gerne hätte ich mir mehr Zeit genommen, wäre tiefer eingetaucht. Eines Tages vielleicht…

Immerhin: Am Ende meiner kurzen Reise war ich mit diesem widersprüchlichen Fleckchen Erde im Reinen.

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Über Sören Peters

Jahrgang 1984. Ruhrgebietler, Köln-Immi. Hauptberuflich Redakteur, nebenbei Reiseleiter in London. Verliebt in Thailand und Südostasien. Verheiratet mit einer Portugiesin. Stolzer Papa. Gerne unterwegs, gerne zuhause.

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PAUSE!

Liebe Leser, liev Fründe, seit einigen Wochen hat sich ja hier nichts mehr getan auf der Seite. Mit guten Gründen. Wir sind aus der Stadt in unser Eigenheim gezogen. Statt Artikel zu schreiben stand erstmal das Verlegen von Laminat und das Zusammenbauen von Ikea-Möbeln im Vordergrund. Und es gibt auch weiterhin viel zu tun in meinem neuen Lebensabschnitt. Nicht nur privat, sondern auch beruflich bin ich stärker eingebunden als noch vor ein paar Monaten. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, den Blog erst einmal auf Eis zu legen und mich nur noch um flickr und Instagram zu kümmern. Ich verzichte bewusst auf die Formulierung, dass ich "schweren Herzens" in die Blogpause wechsel, da ich nichts, was ich zugunsten meiner Familie entscheide, schweren, sondern leichten Herzens tue. Und wo eine Pausetaste ist, gibt's bestimmt auch irgendwo einen Resetknopf. Bleibt mir gewogen.

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