Amritsar: Goldener Tempel und Wagah Border

5. April 2016

Indien

Moment der Spiritualität im Goldenen Tempel in Amritsar. (Foto: Sören Peters)

Moment der Spiritualität im Goldenen Tempel in Amritsar. (Foto: Sören Peters)

Mit dem Betreten des Goldenen Tempels lasse ich die Stadt Amritsar ein Stück weit hinter mir. Draußen Baustellen, Lärm, Schlepper und der alltägliche indische Wahnsinn. Drinnen kann ich Durchatmen, mich setzen und in Ruhe das Treiben beobachten: Männer beim spirituellen Bad, Sikh-Familien beim Gebet, junge Frauen beim Selfie-Knipsen vor dem zentralen Heiligtum. Dazu ertönt über Lautsprecher ununterbrochen der Kirtan, der spirituelle Gesang der Geistlichen, die im Goldenen Tempel in Begleitung von Trommel und Harmonium ihre Gebete singen. Die Verse sind – auch in englischer Übersetzung – auf großen Leinwänden in den vier Ecken des Tempelkomplexes nachzulesen. Der Goldene Tempel in Amritsar ist für die Sikhs in etwa das, was Rom für Katholiken oder Mekka für Muslime ist – einmal im Leben sollte man hergekommen sein, im „Nektarsee“ (namensgebende Übersetzung: Amrita Saras) gebadet und den Goldenen Tempel in seiner Mitte besucht haben.

Wachen im Goldenen Tempel in Amritsar. Der heilige Ort der Sikhs war Schauplatz zweier Massakar. (Foto: Sören Peters)

Wachen im Goldenen Tempel in Amritsar. Der heilige Ort der Sikhs war Schauplatz zweier Massakar. (Foto: Sören Peters)

Blutige Geschichte

Dabei eröffnet ein Besuch auch einen Einblick in die blutige Geschichte Amritsars. Im Mittelpunkt: Der Goldene Tempel. Am 13. April 1919 töteten hier britische Soldaten und Ghurkas 379 gewaltlose Demonstranten und verletzten 1.200 weitere Menschen, die ihre Stimme für die Unabhängigkeit Indiens erhoben. Traf das „Amritsar-Massaker“ noch Hindus, Muslime und Sikhs gleichermaßen, waren es im Juni 1984 überwiegend Sikhs, ca. 500 an der Zahl, die ihr Leben ließen. Premierministerin Indira Gandhi hatte als Reaktion auf Unruhen zwischen Hindus und Sikhs den Tempel vom Militär stürmen lassen. In diesen Kontext lässt sich auch das Attentat auf Indira Gandhi einordnen, die vier Monate später von einem Sikh-Leibwächter ermordet wurde.

Sieht von der Körperhaltung aus wie nach einem Punt beim American Football, ist aber Teil des militärischen Formaldienstes in Indien. (Foto: Sören Peters)

Sieht von der Körperhaltung aus wie nach einem Punt beim American Football, ist aber Teil des militärischen Formaldienstes in Indien. (Foto: Sören Peters)

Skurriles Muskelspiel an der Grenze zu Pakistan

Militärische Stärke zeigt Indien auch rund eine Autostunde entfernt an der pakistanischen Grenze – wenn auch auf etwas skurrile Art. An der Wagah Border findet allabendlich die Flaggenzeremonie statt. Indische und pakistanische Soldaten in Paradeuniformen liefern sich dabei einen Wettstreit im Formaldienst, angepeitscht von einem Vorsänger und 2.000 applaudierenden Fans, die ihren Patriotismus nur allzu gerne zur Schau stellen. Wenn die Sonne hinter dem Grenzposten versinkt, werden militärisch korrekt synchronisiert die beiden Nationalflaggen eingeholt. Dazu ertönen die jeweiligen Nationalhymnen.

Wer dieses Spektakel beobachtet, mag sich kaum vorstellen, dass sich indische und pakistanische Soldaten bis vor kurzer Zeit noch feindlich gegenüberstanden, etwa im Kaschmir-Konflikt, bzw. dass es andernorts noch immer Spannungen gibt. Erst am Tag vor meiner Abreise aus Indien, ich war längst zurück in Delhi, waren in den Fernsehnachrichten Bilder von einer gewaltsamen Demonstration in Srinagar zu sehen. Die Border Ceremony jedoch ist jedoch ein patriotisches Familienspektakel und ein beliebtes Ausflugsziel, auch wenn die bewaffneten Wachposten unübersehbar sind. Das Handelsblatt beschreibt das Prozedere recht treffend als „Operette mit Säbelrasseln“.

Der Goldene Tempel im Zentrum Amritsars. Mit einem bisschen Glück schafft man es nach dem Besuch der Grenzzeremonie noch zur Blauen Stunde. (Foto: Sören Peters)

Der Goldene Tempel im Zentrum Amritsars. Mit einem bisschen Glück schafft man es nach dem Besuch der Grenzzeremonie noch zur Blauen Stunde. (Foto: Sören Peters)

Praktisches zu Amritsar

Der Goldene Tempel befindet sich mitten in der Altstadt von Amritsar und ist so schwer zu verfehlen wie der Dom in Köln. Rundherum befinden sich zahlreiche einfache Hotels und Guesthouses, in den Seitenstraßen sind auch gute und günstige Restaurants zu finden (Tipp: Leckeres Punjabi-Thali im Sharma Guest House). Auf Straßennamen in Wegbeschreibungen sollte man sioch jedoch nicht verlassen, da keine Straße mit einem entsprechendem Schild beschriftet ist. Die zahlreichen Baustellen bei meinem Besuch im Februar 2016 erschwerten zudem die Orientierung, wie ich leidvoll erfahren musste. Der Flughafen liegt etwa 30 Auto-Minuten außerhalb der Stadt (Pre-Paid-Taxi: 500 Rs.). Der Bahnhof befindet sich nördlich außerhalb der Stadttore. Auch hier gibt es ein paar Hotels, jedoch würde ich die Nähe zum Goldenen Tempel bevorzugen. Auch an der Hauptstraße, die vom Goldenen Tempel wegführt, gibt es einen Schalter für Pre-Paid-Taxis.

Besucher der Border Ceremony auf dem Weg zur indisch-pakistanischen Grenze in Wagah. (Foto: Sören Peters)

Besucher der Border Ceremony auf dem Weg zur indisch-pakistanischen Grenze in Wagah. (Foto: Sören Peters)

So läuft der Besuch der Grenze

Die Fahrt nach Wagah und zurück kostet 650 Rs., unterwegs sind noch einmal 120 Rs. Maut fällig, so dass der Trip für etwas mehr als zehn Euro zu bewältigen ist. Bereits vorm Tempelkomplex kobern die Schlepper um die Wette und bieten Fahrten für 1.000 Rs. und mehr an. Das Taxi parkt auf einem großen Parkplatz vor dem ersten Checkpoint, von dort aus läuft man den letzten Kilometer zum Grenzposten. Unterwegs wird man an drei verschiedenen Schleusen kontrolliert, bei Ausländern werden zudem Pass und Visum geprüft (sollte man ohnehin immer mitführen). Kameras sind erlaubt und das Fotografieren ist kein Problem. Als Ausländer sitzt man zudem auf einer gesonderten Tribüne.

Warst Du schon einmal in Amritsar oder hast die Border Ceremony besucht? Oder planst Du einen Besuch und benötigst noch Infos? Ab in die Kommentare damit!

Mehr über Indien

Mehr Fotos aus Amritsar und von der Border Ceremony gibt es im flickr-Stream!
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Über Sören Peters

Jahrgang 1984. Ruhrgebietler, Köln-Immi. Hauptberuflich Redakteur, nebenbei Reiseleiter in London. Verliebt in Thailand und Südostasien. Verheiratet mit einer Portugiesin. Stolzer Papa. Gerne unterwegs, gerne zuhause.

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PAUSE!

Liebe Leser, liev Fründe, seit einigen Wochen hat sich ja hier nichts mehr getan auf der Seite. Mit guten Gründen. Wir sind aus der Stadt in unser Eigenheim gezogen. Statt Artikel zu schreiben stand erstmal das Verlegen von Laminat und das Zusammenbauen von Ikea-Möbeln im Vordergrund. Und es gibt auch weiterhin viel zu tun in meinem neuen Lebensabschnitt. Nicht nur privat, sondern auch beruflich bin ich stärker eingebunden als noch vor ein paar Monaten. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, den Blog erst einmal auf Eis zu legen und mich nur noch um flickr und Instagram zu kümmern. Ich verzichte bewusst auf die Formulierung, dass ich "schweren Herzens" in die Blogpause wechsel, da ich nichts, was ich zugunsten meiner Familie entscheide, schweren, sondern leichten Herzens tue. Und wo eine Pausetaste ist, gibt's bestimmt auch irgendwo einen Resetknopf. Bleibt mir gewogen.

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