Indien: Fünf erste Eindrücke

29. Februar 2016

Indien

Alltägliches Chaos in Delhi. (Foto: Sören Peters)

Alltägliches Chaos in Delhi. (Foto: Sören Peters)

Sooo lange drauf gefreut, so schnell wieder zurück – am Wochenende bin ich von meinem einwöchigen Kurztrip nach Indien zurückgekehrt. Angesteuerte Ziele waren Delhi, Amritsar und Agra (Taj Mahal). Die ersten Eindrücke, die ich in dem Land sammeln konnte, lassen mich einigermaßen ratlos zurück. Licht und Schatten liegen hier so dicht beieinander, wie ich es zuvor noch nie erlebt hatte – nicht nur räumlich. Exemplarisch schildere ich Euch hier fünf von tausend Szenen, die sich in meine Erinnerung gebrannt haben.

Erste Szene. Ort: New Delhi Railway Station.
Gerade angekommen. Den großen Rucksack auf den Schultern. Nach Flughafen und Metro der erste richtige Kontakt mit Indien. Schon der Versuch, die Straße zu überqueren war eine Herausforderung. Ich dachte ja, nach Saigon könne mich nichts mehr schocken, doch es gab einen kleinen, feinen Unterschied: In Saigon kommt der Verkehr aus einer Richtung, es lässt sich ein Schema erkennen. In Delhi aber kommt der Verkehr aus allen Richtungen. Untermalt wird das Ganze von einer Kakophonie aus Hupen und „Hello Sir“, „Taxi Sir?“, „Room Sir?“. Normalerweise habe ich keine Probleme, mich irgendwo zu akklimatisieren, hier brauchte ich drei Tage.

Zweite Szene. Ort: New Delhi, Lodhi Road, nähe Humayun’s Tomb.
Nachdem ich die ersten Sehenswürdigkeiten abgegrast hatte, spazierte ich über die Lodhi Road in Richtung Humayun-Mausoleum. Beim Überqueren einer Verkehrsinsel fiel mir eine zerrissene Wolldecke auf, die dort mitten in der Sonne lag. Erst auf den zweiten Blick entdeckte ich, dass unter der Decke jemand lag, bzw. ein darunter hervorlugendes Bein ließ das erahnen. Im Unterschenkel klaffte eine Wunde, auf der sich eine Horde Fliegen angesiedelt hatte und ich war mir nicht sicher, ob der Mensch unter der Decke dahinsiechte, starb oder bereits verweste.

Dritte Szene. Ort: Amritsar, nähe Goldener Tempel.
Schon in der Nacht hatte ich ein wenig gefroren, doch als ich das Hotel verließ, spürte ich doch eine recht empfindliche Kälte. Die kleine Gasse in der Nähe des Goldenen Tempels roch nach Verbranntem. Drei Männer, eingehüllt in Decken, hatten vor den noch geschlossenen Geschäften einen Haufen aus Straßenabfällen in Brand gesetzt und wärmten sich an den Flammen, während der Rauch die Straße einhüllte. Das machte aber auch keinen großen Unterschied, denn dichter Nebel hatte sich über die gesamte Stadt gelegt – und auch über den Flughafen, wie ich später erfahren sollte…

Vierte Szene. Ort: New Delhi, Metro.
Knapp 17 Millionen Menschen leben im Hauptstadtterritorium Delhi, mehr als 2,3 Millionen Fahrgäste zählte die Metro am Tag. Und die müssen irgendwo bleiben. Dass Platz in der kleinsten Hütte ist, beweisen die Metro-Pendler jeden Tag aufs Neue. Noch nie wurde ich in einer U-Bahn so gequetscht. Was mich aber am meisten störte: Fast 300 Jahre unter britischer Flagge scheinen an der indischen Volksseele spurlos vorbeigegangen zu sein. Kulturelle Errungenschaften wie Anstellen ohne zu drängeln oder das Prinzip des Erst-Aussteigen-Lassens wurden 1947 wohl ebenso abgeschafft wie die Verwaltung durch Großbritannien.

Fünfte Szene. Ort: New Delhi, Main Bazar Road, Paharganj.
Was in Bangkok die Khao San ist, ist in Delhi die Main Bazar Road. Hier beginnen und enden Reisen, hier kriegt der moderne Traveller vom Selfie Stick bis zum Schlafsack alles, was man so braucht. Und hier trifft man auf die ulkigsten Typen: Auf die Hängengebliebenen, die aussehen wie eine Reinkarnation von Karl Marx; auf die Durchgeknallten, die barfuß und mit Wanderstock durch den Müll waten; auf die modernen Hippies, auf die Sinnsuchenden, auf die Spirituellen.

Indien ist voll, ist dreckig und vermüllt, das Land stinkt, versinkt im Smog. Indien zieht die Gestrigen und die Durchgeknallten an. Indien ist anders und nur gaaanz ganz schwer mit anderen Ländern vergleichbar. Indien ist besonders. Indien liebt man oder man hasst es, sagt man.

Doch Indien kann auch ratlos machen. Die Gedanken versuche ich, in den kommenden Posts zu sortieren.

Erste Fotos bei flickr

Sören Peters

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Über Sören Peters

Jahrgang 1984. Ruhrgebietler, Köln-Immi. Hauptberuflich Redakteur, nebenbei Reiseleiter in London. Verliebt in Thailand und Südostasien. Verheiratet mit einer Portugiesin. Stolzer Papa. Gerne unterwegs, gerne zuhause.

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PAUSE!

Liebe Leser, liev Fründe, seit einigen Wochen hat sich ja hier nichts mehr getan auf der Seite. Mit guten Gründen. Wir sind aus der Stadt in unser Eigenheim gezogen. Statt Artikel zu schreiben stand erstmal das Verlegen von Laminat und das Zusammenbauen von Ikea-Möbeln im Vordergrund. Und es gibt auch weiterhin viel zu tun in meinem neuen Lebensabschnitt. Nicht nur privat, sondern auch beruflich bin ich stärker eingebunden als noch vor ein paar Monaten. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, den Blog erst einmal auf Eis zu legen und mich nur noch um flickr und Instagram zu kümmern. Ich verzichte bewusst auf die Formulierung, dass ich "schweren Herzens" in die Blogpause wechsel, da ich nichts, was ich zugunsten meiner Familie entscheide, schweren, sondern leichten Herzens tue. Und wo eine Pausetaste ist, gibt's bestimmt auch irgendwo einen Resetknopf. Bleibt mir gewogen.

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