Armut in Kambodscha: Ein Armband und seine Geschichte

28. Oktober 2015

Kambodscha

Armband auf dem Cover des deutschen "Lonely Planet". (Foto: Sören Peters)

Armband auf dem Cover des deutschen „Lonely Planet“. (Foto: Sören Peters)

Das Armband auf dem Bild oben habe ich einem Jungen in Sihanoukville abgekauft. An einem Nachmittag, also nach der Schule. Für einen US-Dollar. Klar, das ist es bei weitem nicht wert, doch wer jeden Tag den eigenen Reichtum vor Augen geführt bekommt, wird irgendwann weich. Zudem wollte ich so honorieren, dass er etwas tut für sein Geld und nicht einfach Leute anschnorrt.

Ich hasse es, angebettelt zu werden. Sei es in der Kölner Innenstadt, in der Bahn oder eben auf Reisen. Allerdings lässt sich das in Niedriglohn-Ländern kaum vermeiden. Zumal die Maschen der sozialen Netze dort bei weitem nicht so eng gewebt sind wie hierzulande. Wer keine Qualifikation vorweisen kann oder wer nicht in der Lage ist, körperlich zu arbeiten, der fällt durch. Oder drastischer formuliert: Bildungsferne und Kranke haben k(aum) eine Chance auf ein geregeltes Einkommen. Und das bedeutet nicht Sozialwohnung und Hartz IV, sondern Wellblechhütte und Hunger.

Wellblechhütten außerhalb von Phnom Penh. (Foto: Sören Peters)

Behausungen außerhalb von Phnom Penh. (Foto: Sören Peters)

Beispiel Kambodscha: Laut Fischer Weltalmanach betrug das durchschnittliche Jahreseinkommen hier 810 US-Dollar (2011), also knapp 70 USD im Monat! Zum Vergleich: In Deutschland waren es im gleichen Jahr 43.980 USD.

Quelle: http://durchschnittseinkommen.net/liste-durchschnittseinkommen/
(eingesehen am 27. Oktober 2015)

Wie drastisch das Lohngefälle allein in Südostasien ausfällt, zeigt die Einführung des Mindestlohns von 7,50 Euro am Tag in Thailand im Januar 2013. Prompt verlegte ein Textilunternehmen seine Produktion auf die andere Seite der Grenze, wo Näherinnen für gerade einmal 1,25 Euro am Tag arbeiten.

Eine ältere Frau bittet um Almosen vor einer Buddhastatue in einem Tempel nahe Angkor Wat. (Foto: Sören Peters)

Eine ältere Frau bittet um Almosen vor einer Buddhastatue in einem Tempel nahe Angkor Wat. (Foto: Sören Peters)

Aber zurück zur Bettelei: Ich kann nicht für zehn Dollar am Tag leben wie ein König und gleichzeitig die Augen verschließen vor den sozialen Problemen in diesen Billigländern. Die vielerorts sichtbare Armut führt uns nämlich vor Augen, wie gut es uns eigentlich geht. Wir sorgen uns, wie wir unseren Lebensstil finanziert bekommen: Das Haus, das Auto, die Annehmlichkeiten. Wer hat in Europa zuletzt über Hunger nachgedacht?

Kinder vor Wellblechhütten am Otres Beach in Sihanoukville. (Foto: Sören Peters)

Kinder vor Wellblechhütten am Otres Beach in Sihanoukville. (Foto: Sören Peters)

Fällt es einem in Deutschland noch leicht, die (organisierten) Bettler in den Fußgängerzonen zu ignorieren, setzt auf Reisen das Gewissen ein. Noch schwieriger wird es, wenn Kinder mit im Spiel sind. Wer nicht gerade ein Herz aus Stein oder eine Empathie wie Sheldon Cooper besitzt, den lässt das nicht kalt. Doch genau das ist der Knackpunkt: Kinder erwirtschaften nicht selten mehr als ihre Eltern und generieren so das Familieneinkommen. Ihnen selbst fehlt der Anreiz, zur Schule zu gehen und den Eltern die Motivation zu einer Erwerbstätigkeit. Eine Spirale, die sich immer weiter nach unten dreht.

Kind in Phnom Penh. (Foto: Sören Peters)

Straßenszene in Phnom Penh. (Foto: Sören Peters)

Wie geht Ihr mit Armut und Bettelei um? Gerne in die Kommentare damit!
Was also tun? Jedem etwas geben, bis ich selbst nichts mehr habe? Sorry, aber ich bin keine Mutter Theresa. Gezielt spenden? Schon eher. Aber weiß ich, ob es ankommt? Eine richtige Lösung habe ich für mich nicht gefunden, außer prinzipiell nichts zu geben. Nicht den Alten, nicht den Frauen und erst recht nicht den Kindern.  Wie geht Ihr damit um? Gerne ab in die Kommentare damit! Mit der Thematik befasst sich auch weltreise.info in einem Beitrag.

Den kleinen Jungen, dem ich das Armband abgekauft hatte, sah ich am nächsten Tag wieder, es muss ein Dienstag oder Mittwoch gewesen sein. Mein Kumpel und ich saßen in einer Strandbar und tranken einen Mango-Shake. Der Kleine knüpfte Armbänder für Touristinnen, die noch weißer waren als wir. Es war 11 Uhr am Vormittag…

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Über Sören Peters

Jahrgang 1984. Ruhrgebietler, Köln-Immi. Hauptberuflich Redakteur, nebenbei Reiseleiter in London. Verliebt in Thailand und Südostasien. Verheiratet mit einer Portugiesin. Stolzer Papa. Gerne unterwegs, gerne zuhause.

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PAUSE!

Liebe Leser, liev Fründe, seit einigen Wochen hat sich ja hier nichts mehr getan auf der Seite. Mit guten Gründen. Wir sind aus der Stadt in unser Eigenheim gezogen. Statt Artikel zu schreiben stand erstmal das Verlegen von Laminat und das Zusammenbauen von Ikea-Möbeln im Vordergrund. Und es gibt auch weiterhin viel zu tun in meinem neuen Lebensabschnitt. Nicht nur privat, sondern auch beruflich bin ich stärker eingebunden als noch vor ein paar Monaten. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, den Blog erst einmal auf Eis zu legen und mich nur noch um flickr und Instagram zu kümmern. Ich verzichte bewusst auf die Formulierung, dass ich "schweren Herzens" in die Blogpause wechsel, da ich nichts, was ich zugunsten meiner Familie entscheide, schweren, sondern leichten Herzens tue. Und wo eine Pausetaste ist, gibt's bestimmt auch irgendwo einen Resetknopf. Bleibt mir gewogen.

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