Barcelona: Sieben Jahre, sieben Geschichten

28. April 2015

Barcelona

Blick aus der Hafenseilbahn über Barcelona. Vorne: Der Kreisverkehr mit der Kolumbus-Statue, links die Ausläufer der Ramblas. Hinten zu sehen: die Kathedrale La Seu und die Sagrada Familia. (Handyfoto: Sören Peters)

Blick aus der Hafenseilbahn über Barcelona. Vorne: Der Kreisverkehr mit der Kolumbus-Statue, links die Ausläufer der Ramblas. Hinten zu sehen: die Kathedrale La Seu und die Sagrada Familia. (Handyfoto: Sören Peters)

Vor ziemlich genau sieben Jahren habe ich Deutschland hinter mir gelassen und bin für etwas mehr als ein halbes Jahr nach Barcelona gegangen. Die Stadt wurde zu einer zweiten Heimat, die mich bis heute nicht loslässt. Sieben Jahre, das ist länger, als manch eine Ehe dauert. Und auch wenn sich seit damals viel verändert hat – sowohl in Barcelona als auch in meinem Leben – so bleibt dieser Ort doch ein Teil meiner Geschichte. Passend dazu: Sieben Dinge, die mein Barcelona ausmachen.

Streetart an der Ronda Sant Antoni. (Foto: Sören Peters)

Streetart an der Ronda Sant Antoni. (Foto: Sören Peters)

1. Die kleinen Macken
Nennt es, wie Ihr wollt: morbider Charme, Ranz, Driss. Wer die Rambles oder die Placa Reial verlässt und einen Streifzug durch die Gassen des inzwischen immer hipper werdenden Raval oder des Barri Gotic unternimmt, wird unweigerlich auf Ecken stoßen, deren Schönheit sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Als Kind des Ruhrgebiets fiel es mir leicht, mich damit anzufreunden. Wo nicht alles Gold ist, ist zuhause.

Blick entlang der Carrer Marina auf die Torres Mapfre. (Foto: Sören Peters)

Blick entlang der Carrer Marina auf die Torres Mapfre am „neuen“ Olympiahafen. (Foto: Sören Peters)

2. Das Stadtbild
Und damit meine ich jetzt nicht Landmarken wie die Sagrada Familia oder den Parc Guell. Ich meine die langen Häuserschluchten des Eixample, die im ausgehenden 19. Jahrhundert schachbrettartig angelegte Erweiterung der Stadt, mit der sich Barcelona Orte wie Sarria oder Horta einverleibt hat. Das vereinfacht nicht nur die Orientierung, sondern durch die Lage an einem flach abfallenden Berghang Richtung Meer ergeben sich auch tolle Perspektiven. Und das macht auch die typischen Hinterhöfe aus. Mal stehen hier Hanfpflanzen auf dem Balkon, mal eine ganze Voliere.

Einer der Höhepunkte bei katalanischen Festen: der Feuerlauf (Correfoc) - hier auf der Via Laietana beim Stadtfest La Mercè in Barcelona. (Foto: spe)

Einer der Höhepunkte bei katalanischen Festen: der Feuerlauf (Correfoc) – hier auf der Via Laietana beim Stadtfest La Mercè in Barcelona. (Foto: Sören Peters)

3. Die Feste
Die Frauen bekommen eine Rose, die Männer ein Buch. So verlangt es die Tradition am Georgstag, die Diada de Sant Jordi am 23. April. In der ganzen Stadt sind dann Büchertische und Blumenstände aufgebaut. Die Busse sind dekoriert mit Flaggen, die das rote Georgskreuz auf weißem Grund tragen – und mit katalanischen Fähnchen, vier rote Streifen auf gelbem, bzw. goldenem Untergrund. Den ganzen Sommer über gibt es Feste in den Stadtvierteln, Strandfeuerwerke in der Nit de Sant Joan (23. Juni) oder im September das große Stadtfest La Merce mit Konzerten, Umzügen und dem Feuerlauf (Correfoc).

Am Passeig Miritim. (Foto: Sören Peters)

Am Passeig Miritim. (Foto: Sören Peters)

4. Die Leute
„Alter, das ist hier ziemlich alternativ und abgeranzt“, meinte mal eine Bekannte über das typische Barcelona-Publikum. Ganz falsch liegt sie damit nicht, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Barcelona ist kosmopolitisch, hier treffen deutsche Erasmus-Studenten auf schwedische Sprachschülerinnen, britische Junggesellenabschiede auf französische Tapas-Touris, baskische Geschäftsreisende auf die portugiesische Klassenfahrt. Und dann sind da noch Leute wie Du und ich, die jeden Morgen ins Büro fahren, ihre Ruhe haben wollen und sich auf’s Wochenende freuen. Und denen der Hype um ihre Stadt die Sorgenfalten auf die Stirn treibt.

An der Platja de Barceloneta, Höhe Hospital de Mar. (Foto: Sören Peters)

An der Platja de Barceloneta, Höhe Hospital de Mar. (Foto: Sören Peters)

5. Das Meer
Barcelona schmückt sich damit, Kultur-, Sightseeing- und Strandurlaub in einem zu bieten. Das hat auch seine Berechtigung, doch für mehr als ein Feierabend-Bier oder das Sant-Joan-Gelage taugt die Barceloneta nur bedingt. Klar, ich bin dort regelmäßig spazieren gegangen und habe es genossen, an der Promenade zu joggen oder Inline Skates zu fahren. Doch zum richtigen Sonnenbaden bin ich dann doch lieber nach Castelldefels, Sitges oder an die Costa Maresme gefahren. Vor allem, um Ruhe zu haben vor den Erasmus-Studenten, Junggesellenabschieden, Klassenfahrten ;-) Doch in maximal einer Stunde kann man einen tollen Strand erreichen oder kleine Urlaubsorte erkunden. Und dieses Wissen ist viel Wert.

Pa' arriba, pa' abajo...jaja, Prost! (Foto: Sören)

Pa‘ arriba, pa‘ abajo…jaja, Prost! (Foto: Sören)

6. Ausgehen
Freitagabend. Wir starten in der kleinen Bar an der Placa Goya an der Ronda Sant Antoni. Vielleicht um neun. Halb zehn sind dann endlich alle da. Wir zischen zwei, drei kleine Moritz und teilen uns bocadillos, eine Tortilla und Oliven. Gut gestärkt ziehen wir weiter ins Raval, nehmen zwei Bars mit, flüchten aber vor den Hipstern, die sich da neuerdings herumtreiben, in die Altstadt, jenseits der Rambla. Noch schnell ein Estrella Damm in der „Princesa 23“ bevor die große Diskussion losgeht. Noch ins Sugar hinter der Placa Reial? Ins Moog? Otto Zutz? Ach ne, Gracia ist jetzt zu weit. Und am Ende enden wir Razzmatazz, wo wir feiern, bis es hell wird. Rückblickend muss ich sagen: Es ist schon ganz gut so, dass das sieben Jahre her ist, heute würde ich wahrscheinlich um drei Uhr im Stehen einschlafen.

Stadt- und Katalonienflagge an einer Hausfassade in der Altstadt. (Foto: Sören Peters)

Stadt- und Katalonienflagge an einer Hausfassade in der Altstadt. (Foto: Sören Peters)

7. Die ständigen Widersprüche
Hier die touristischen Ramblas, ein paar Meter weiter die Ranzecken. Tagsüber die Flaniermeile, nachts ein Hort von fliegenden Händlern und Prostituierten. Hier die guten Geschäfte mit den Touristen, da das Gefühl, Gast in der eigenen Stadt zu sein. Hier Katalanisch, da Spanisch. Die Stadt steckt voller Widersprüche und Reibungspunkte, hat Ecken und Kanten, ist in sich so vollkommen und doch nie ganz fertig.

Barcelona, vor drei Jahren habe ich dich zuletzt besucht. Ich hoffe, ich erkenne Dich noch wieder, wenn ich zurückkomme. Bleib so, wie du bist.

Sören Peters

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Über Sören Peters

Jahrgang 1984. Ruhrgebietler, Köln-Immi. Hauptberuflich Redakteur, nebenbei Reiseleiter in London. Verliebt in Thailand und Südostasien. Verheiratet mit einer Portugiesin. Stolzer Papa. Gerne unterwegs, gerne zuhause.

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PAUSE!

Liebe Leser, liev Fründe, seit einigen Wochen hat sich ja hier nichts mehr getan auf der Seite. Mit guten Gründen. Wir sind aus der Stadt in unser Eigenheim gezogen. Statt Artikel zu schreiben stand erstmal das Verlegen von Laminat und das Zusammenbauen von Ikea-Möbeln im Vordergrund. Und es gibt auch weiterhin viel zu tun in meinem neuen Lebensabschnitt. Nicht nur privat, sondern auch beruflich bin ich stärker eingebunden als noch vor ein paar Monaten. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, den Blog erst einmal auf Eis zu legen und mich nur noch um flickr und Instagram zu kümmern. Ich verzichte bewusst auf die Formulierung, dass ich "schweren Herzens" in die Blogpause wechsel, da ich nichts, was ich zugunsten meiner Familie entscheide, schweren, sondern leichten Herzens tue. Und wo eine Pausetaste ist, gibt's bestimmt auch irgendwo einen Resetknopf. Bleibt mir gewogen.

4 Kommentare - “Barcelona: Sieben Jahre, sieben Geschichten”

  1. Jose B Bueno Sagt:

    Sehr schöner Bericht über eine der tollsten Städte.

    Antwort

  2. dailymaybee Sagt:

    Huhu!

    Ich bin heute aus Barcelona zurück gekommen und fands daher super interessant mal die Sichtweise eines Ex-Bewohners der Stadt zu lesen. Da kann ich mir beim Lesen sagen: „Ich weiß, wovon er spricht!“ :) Toller Bericht!

    Antwort

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