Auf den Spuren des Krieges in Saigon

14. April 2015

Asien, Vietnam

Panzer auf dem Geländes des Wiedervereinigungspalasts. (Foto: Sören Peters)

Panzer auf dem Geländes des Wiedervereinigungspalasts. (Foto: Sören Peters)

Am 1. Mai 1975 endete mit der vollständigen Einnahme Saigons der jahrzehntelange Vietnamkrieg. Auch wenn sich das Land von den Folgen allmählich erholt, so sind die Wunden in der heutigen Ho-Chi-Minh-Stadt auch 40 Jahre später noch nicht vollständig verheilt. Auf den Spuren des Krieges im ehemaligen Saigon.

Es ist heiß und stickig, als wir über die Dong Khoi bummeln. Auf der einen Seite kleine Shops, die Dinge des täglichen Bedarfs feilbieten: Neben Besen und Kochtöpfen grinsen von Kaffeetassen Donald Duck, Winnie Pooh – und Ho Chi Minh. Auf der anderen Seite der Straße Hotels wie das Sheraton oder Caravelle, auf deren Terrassen sich die Gäste im Pool abkühlen. Neben uns ein nie abreißender Strom aus Motorrollern. Zuvor hatten wir bereits den Bitexco Tower besichtigt, das weithin sichtbare Symbol des Aufstiegs der Millionenstadt. Wir laufen vom Saigon River aus Richtung Norden und erreichen nach ein paar Minuten die Kreuzung, an der sich die Hauptstraßen Dong Khoi und Le Loi treffen. Links das Hotel Rex, rechts das Continental.

Eine Band spielt auf der Dachterrasse des Rex Hotel. (Foto: Sören Peters)

Eine Band spielt auf der Dachterrasse des Rex Hotel. (Foto: Sören Peters)

In den Hotels waren seinerzeit zahlreiche Korrespondenten untergebracht. Besondere Berühmtheit erlangte das Rex durch die regelmäßigen Pressekonferenzen der Amerikaner, später veralbert als „five’o’clock follies“, also den Eseleien um fünf Uhr. Zu den „follies“ lädt das Hotel auch heute noch ein, allerdings ist damit die Happy Hour auf der Dachterrasse gemeint. Wer dorthin gelangen möchte, muss dafür die protzige Halle des Hotels passieren, die mit ihrer geleckten Sauberkeit und all dem Luxus einen Gegenentwurf zum Geschehen auf der Straße darstellt. Auch klimatisch wechselt man von den Tropen in die Arktis. Die Angestellten beäugen uns kritisch, lassen uns aber trotz kurzer Hosen passieren. Die Coverband, die die Terrasse beschallt, lässt jedoch keine Zeit zum Innehalten. Sie spielt, als gäbe es kein Gestern. Einige Japaner trinken, als gäbe es kein Morgen. Wir knipsen ein paar Fotos vom Hier und Jetzt und ziehen weiter.

Gegenüber, im Häuserblock, der das Continental beherbergt, ist auch ein Einkaufszentrum angesiedelt, dessen Waren für die Durchschnittsbevölkerung ungefähr so weit entfernt sind wie Saigon von Hanoi. Zwischen den beiden Gebäudekomplexen befindet sich eine kleine Parkanlage mit einer Statue von Ho Chi Minh, auf seinem Schoß ein kleines Kind. Sie bildet die Kulisse für den Kolonialbau vor Kopf, das Alte Rathaus, das inzwischen das Volkskomitee beherbergt. Fotostrecke Saigon

Als ein nordvietnamesischer Panzer durch dieses Tor brach, war der Krieg nahezu beendet. (Foto: Sören Peters)

Als ein nordvietnamesischer Panzer durch dieses Tor brach, war der Krieg nahezu beendet. (Foto: Sören Peters)

Wenige hundert Meter weiter befindet sich der „Wiedervereinigungspalast“, bis vor 40 Jahren der Sitz des südvietnamesischen Präsidenten, seinerzeit, seit 1955, Unabhängigkeitspalast. Als ein Panzer des Vietcong am 30. April 1975 durch die Tore brach und am Gebäude die Flagge der Sieger gehisst wurde, markierte dieser Moment den letzten Sieg des Kommunismus im 20. Jahrhundert. Eine kurze Dokumentation auf Welt online hält die Momente fest. Einen Tag später war Saigon vollständig eingenommen und der Krieg beendet. Zwei Panzer und ein Kampfjet auf dem riesigen Gelände halten die Erinnerung wach. In unmittelbarer Umgebung befindet sich zudem das Kriegsmuseum.

Doch es sind nicht nur diese offensichtlichen Orte, an denen man die Spuren des amerikanischen Traumas zurückverfolgen kann. An einem Nachmittag saßen wir in einem Restaurant an einer Seitenstraße der Backpackermeile Pham Ngu Lao und sahen einen Mann, der aus der Masse herausstach mit seinen zerrissenen Klamotten, seiner dunklen Haut, seinen offen zur Schau getragenen Andenken an den Krieg. Sein Alter ließ darauf schließen, dass er hier irgendwo hängengeblieben ist. Vermisst ihn zuhause jemand? Hat er seine alte Identität aufgegeben? Haben seine Angehörigen vor 40 Jahren um ihn getrauert und wissen nur nichts von seiner (neuen) Existenz? So schnell, wie er im Straßenbild auftauchte, so schnell war er auch wieder verschwunden.

Propagande im Stadtbild von Ho-Chi-Minh-Stadt. (Foto: Sören Peters)

Propaganda im Stadtbild von Ho-Chi-Minh-Stadt. (Foto: Sören Peters)

Einen etwas zweifelhaften Ausflug zu den Tunneln von Cu Chi bieten unterdessen zahlreiche Reiseveranstalter. Rund 70 Kilometer außerhalb der Stadt hatten vietnamesische Partisanen ein Tunnelsystem ausgehoben, das sich über eine Gesamtlänge von 200 Kilometer erstreckte. Zu dem heutigen Ausflugsziel zählt – paradoxerweise – auch ein Schießstand, wo man für kleines Geld mit Kalaschnikows oder amerikanischen Sturmgewehren herumballern kann.

Ebenfalls außerhalb der Stadt bemerkt man an einigen Stellen Schneisen in der Vegetation. Mühsam versucht man aufzuforsten, was die Amerikaner durch das großflächige Versprühen von Entlaubungsmitteln gerodet haben. Die Folgen davon spüren aber nicht nur Flora und Fauna, die Pestizide werden heute noch für Missbildungen und Fehlgeburten verantwortlich gemacht.

...die sterblichen Überreste tausender Opfer aufbewahrt. (Foto: Sören Peters)

In einem Gedenkstupa auf den Killing Fields bei Phnom Penh werden die sterblichen Überreste tausender Opfer  der Roten Khmer aufbewahrt. (Foto: Sören Peters)

Doch nicht auf Vietnam hatte der Konflikt Auswirkungen. Nach Grenzkonflikten mit den Roten Khmer marschierten drei Jahre später vietnamesische Truppen in Kambodscha ein und stürzten das Regime von Pol Pot. Trotz der offensichtlichen Narben in beiden Ländern war bei meinen Besuchen in den Jahren 2012 und 2014 jedoch zu spüren, dass es bergauf geht. Beide Länder möchte ich in naher Zukunft gerne noch einmal bereisen, um mich davon zu überzeugen, dass mich mein Gefühl nicht getäuscht hat.

Sören Peters

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Über Sören Peters

Jahrgang 1984. Ruhrgebietler, Köln-Immi. Hauptberuflich Redakteur, nebenbei Reiseleiter in London. Verliebt in Thailand und Südostasien. Verheiratet mit einer Portugiesin. Stolzer Papa. Gerne unterwegs, gerne zuhause.

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PAUSE!

Liebe Leser, liev Fründe, seit einigen Wochen hat sich ja hier nichts mehr getan auf der Seite. Mit guten Gründen. Wir sind aus der Stadt in unser Eigenheim gezogen. Statt Artikel zu schreiben stand erstmal das Verlegen von Laminat und das Zusammenbauen von Ikea-Möbeln im Vordergrund. Und es gibt auch weiterhin viel zu tun in meinem neuen Lebensabschnitt. Nicht nur privat, sondern auch beruflich bin ich stärker eingebunden als noch vor ein paar Monaten. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, den Blog erst einmal auf Eis zu legen und mich nur noch um flickr und Instagram zu kümmern. Ich verzichte bewusst auf die Formulierung, dass ich "schweren Herzens" in die Blogpause wechsel, da ich nichts, was ich zugunsten meiner Familie entscheide, schweren, sondern leichten Herzens tue. Und wo eine Pausetaste ist, gibt's bestimmt auch irgendwo einen Resetknopf. Bleibt mir gewogen.

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