Auf den Spuren der Roten Khmer

16. Dezember 2014

Asien, Kambodscha

Gang durch den Zellentrakt im S21-Gefängnis. (Foto: Sören Peters)

Gang durch den Zellentrakt im S21-Gefängnis. (Foto: Sören Peters)

Das dunkelste Kapitel in der Geschichte Kambodschas dauerte drei Jahre, acht Monate und 20 Tage. Von 1975 bis 1978. Zwischen 1,7 und 2,2 Millionen Kambodschaner – das entsprach rund einem Viertel der Gesamtbevölkerung –  fielen der Schreckensherrschaft von Pol Pot zu Opfer, der mit seiner maoistisch-nationalistischen Bewegung das „Demokratische Kampuchea“ in eine Art Agrarkommunismus führen wollte. Die juristische Aufarbeitung  dauert bis heute an.

Ein Besuch im Tuol-Sleng-Genozidmuseum und der „Killing Fields“ in Choeung Ek hilft, die Geschehnisse zu verstehen. Das gilt übrigens nicht nur für Touristen, sondern auch für Kambodschaner: Rund ein Drittel der Bevölkerung ist jünger als 14 Jahre, das Durchschnittsalter liegt bei rund 22 Jahren. Es gibt also nur noch wenige lebende Zeitzeugen.

Seitentor des Tuol-Sleng-Genozidmuseums. (Foto: Sören Peters)

Seitentor des Tuol-Sleng-Genozidmuseums. (Foto: Sören Peters)

Ein Zeitzeuge aus Stein und Beton dagegen ist das ehemalige S21-Gefängnis an der 113. Straße in Phnom Penh. Hier hatten die Roten Khmer eine Schule umfunktioniert, um unter Folter Informationen aus denjenigen herauszupressen, die nicht zu 100 Prozent auf der Linie des Regimes, bzw. der Revolution, waren (was quasi auf jeden zutraf, der nicht auf dem Reisfeld schuftete, hungerte und brav die Klappe hielt). Selbst Schulen wurden geschlossen, um die Lehrer zur Landarbeit abstellen zu können. Zwischen 14.000 und 20.000 Menschen aus allen Landesteilen saßen über die Jahre verteilt in S21 ein. Auch Frauen und Kinder. Um niemanden zurückzulassen, der später Rache nehmen konnte, wurden immer gleich ganze Familien inhaftiert. Die Foltermethoden reichten von Stromstößen, Daumenschrauben und Waterboarding bis zum Untertauchen in Wasserbottiche und dem Einführen von Säure und Alkohol in die Nase. Auf eine bedrückende Weise bekommt man einen Eindruck, zu welchen Grausamkeiten Menschen in der Lage sind. Die ausgestellten Bilder der Inhaftierten und die Geschichten eines Guides trieben einigen französischen Frauen, die zeitgleich mit uns die Räume besichtigten, die Tränen in die Augen.

Wo heute der Gedenkstupa steht, wurden zwischen 1975 und 1978 rund 17.000 Menschen ermordet. (Foto: Sören Peters)

Wo heute der Gedenkstupa steht, wurden zwischen 1975 und 1978 rund 17.000 Menschen ermordet. (Foto: Sören Peters)

Wer diese Folter überlebte, fand sich bald in Choeung Ek wieder, etwas außerhalb der Stadt. Die Fahrt mit dem Tuk-Tuk dauert von Phnom Penh aus gute 20 Minuten und führt vorbei an den Wellblechsiedlungen der Vorstadt. Auf dem Gelände der ehemaligen „Killing Fields“ erinnert ein Gedenkstupa an die Opfer. Ein alter chinesischer Friedhof wurde zum Inbegriff der Todesmaschinerie der Roten Khmer. Die Delinquenten kamen meist in der Nacht und nur die wenigsten sahen jemals wieder die Sonne aufgehen. Zum Klang von Revolutionsmusik wurden die Opfer totgeschlagen. Die in dem Gedenkstupa aufbewahrten Schädel zeigen Frakturen, aus denen sich die Einschläge mit Schaufeln und Knüppeln ablesen lassen. Kinder wurden kurzerhand gegen den „Killing Tree“ geschlagen. Noch immer treten, gerade nach stärkeren Regenfällen, Knochenfragmente und Kleiderreste an die Erdoberfläche.

Zugegeben, die Besuche des Genozidmuseums und der Killing Fields sind etwas schwere Kost, gehören aber zum absoluten Pflichtprogramm in Phnom Penh. Der Eintritt ins ehemalige S21-Gefängnis kostet drei USD (Schüler, Studenten und „Researcher“ mit Presseausweis zahlen nichts). Auch der Eintritt zu den „Killing Fields“ kostet drei USD inkl. Audioguide, auch auf Deutsch erhältlich. Die Fahrt mit dem Tuk-Tuk ab Phnom Penh kostet zehn bis zwölf US-Dollar. Einziger Wermutstropfen: Einige Besucher wissen sich in den Anlagen nicht zu benehmen. Vor allem lautes Handyklingeln und nicht leisere Gespräche einzelner Besucher störten die friedliche Ruhe zwischen den Massengräbern von Choeung Ek.

Weitere Eindrücke weiter unten in der Fotostrecke und in meinem flickr-Stream.

Sören Peters

Von außen sieht es so friedlich aus, wie jede andere Schule. Das ehemalige S21-Gefängnis an der 113. Straße in Phnom Penh. (Foto: Sören Peters)

Von außen sieht es so friedlich aus, wie jede andere Schule. Das ehemalige S21-Gefängnis an der 113. Straße in Phnom Penh. (Foto: Sören Peters)

Zwischen 1975 und Anfang 1979 waren hier knapp 17.000 Kambodschaner inhaftiert. (Foto: Sören Peters)

Zwischen 1975 und Anfang 1979 waren hier knapp 17.000 Kambodschaner inhaftiert. (Foto: Sören Peters)

Mit brutalen Foltermethoden quetsche man Informationen aus den angeblich nicht revolutionstreuen Insassen heraus. (Foto: Sören Peters)

Mit brutalen Foltermethoden quetschte man Informationen aus den angeblich nicht revolutionstreuen Insassen heraus. (Foto: Sören Peters)

Fotos an den Wänden dokumentieren das Vorgehen der Roten Khmer. (Foto: Sören Peters)

Fotos an den Wänden dokumentieren das Vorgehen der Roten Khmer. (Foto: Sören Peters)

Im Zellentrakt versperrt Stacheldraht den Weg zum Innenhof. Ein Entkommen war unmöglich. (Foto: Sören Peters)

Im Zellentrakt versperrt Stacheldraht den Weg zum Innenhof. Ein Entkommen war unmöglich. (Foto: Sören Peters)

Nicht viel größer als zwei Quadratmeter waren die Zellen der Inhaftierten. (Foto: Sören Peters)

Nicht viel größer als zwei Quadratmeter waren die Zellen der Inhaftierten. (Foto: Sören Peters)

Blick in den Innenhof. Im Vordergrund: Galgen und Bottiche. Den Folteropfern wurden die Hände auf dem Rücken gefesselt. Vom Galgen kopfüber hängend wurden sie bis zur Bewusstlosigkeit ins Wasser getaucht. Hinten: Die Gräber der 14 letzten Opfer, die die Vietnamesen bei der Befreiung Phnom Penhs vorfanden. (Foto: Sören Peters)

Blick in den Innenhof. Im Vordergrund: Galgen und Bottiche. Den Folteropfern wurden die Hände auf dem Rücken gefesselt. Vom Galgen kopfüber hängend wurden sie bis zur Bewusstlosigkeit ins Wasser getaucht. Hinten: Die Gräber der 14 letzten Opfer, die die Vietnamesen bei der Befreiung Phnom Penhs vorfanden. (Foto: Sören Peters)

Für die meisten Inhaftierten war hier Endstation: Die "Killing Fields" von Choeung Ek. Im Gedenkstupa... (Foto: Sören Peters)

Für die meisten Inhaftierten war hier Endstation: Die „Killing Fields“ von Choeung Ek. Im Gedenkstupa… (Foto: Sören Peters)

...die sterblichen Überreste tausender Opfer aufbewahrt. (Foto: Sören Peters)

…sind die sterblichen Überreste tausender Opfer aufbewahrt. (Foto: Sören Peters)

Das Areal ist ein ehemaliger chinesischer Friedhof. Durch die Exhumierung der Leichname senkt sich der Erdboden ab. (Foto: Sören Peters)

Das Areal ist ein ehemaliger chinesischer Friedhof. Durch die Exhumierung der Leichname senkt sich der Erdboden ab. (Foto: Sören Peters)

Bänder der Trauer an den Massengräbern. (Foto: Sören Peters)

Bänder der Trauer an den Massengräbern. (Foto: Sören Peters)

Während der Hinrichtungen waren in diesem Baum Lautsprecher installiert. Zum Klang von Revolutionsmusik wurden die Delinquenten erschlagen, um Munition zu sparen. (Foto: Sören Peters)

Während der Hinrichtungen waren in diesem Baum Lautsprecher installiert. Zum Klang von Revolutionsmusik wurden die Delinquenten erschlagen, um Munition zu sparen. (Foto: Sören Peters)

Besonders berührend ist die Geschichte hinter dem "Killing Tree". (Foto: Sören Peters)

Besonders berührend ist die Geschichte hinter dem „Killing Tree“. (Foto: Sören Peters)

Es ist nur schwer vorstellbar, dass an einem eigentlich so ruhigen Ort sich so grausame Dinge ereignen konnten. (Foto: Sören Peters)

Es ist nur schwer vorstellbar, dass an einem eigentlich so ruhigen Ort sich so grausame Dinge ereignen konnten. (Foto: Sören Peters)

Noch heute treten nach und nach Knochenfragmente und Kleiderfetzen an die Erdoberfläche. (Foto: Sören Peters)

Noch heute treten nach und nach Knochenfragmente und Kleiderfetzen an die Erdoberfläche. (Foto: Sören Peters)

Auch das ist Phnom Penh: Vorbei an den Wellblechsiedlungen geht es mit einem mulmigen Gefühl im Bauch zurück in die Stadt. (Foto: Sören Peters)

Auch das ist Phnom Penh: Vorbei an den Wellblechsiedlungen geht es mit einem mulmigen Gefühl im Bauch zurück in die Stadt. (Foto: Sören Peters)

 

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Über Sören Peters

Jahrgang 1984. Ruhrgebietler, Köln-Immi. Hauptberuflich Redakteur, nebenbei Reiseleiter in London. Verliebt in Thailand und Südostasien. Verheiratet mit einer Portugiesin. Stolzer Papa. Gerne unterwegs, gerne zuhause.

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PAUSE!

Liebe Leser, liev Fründe, seit einigen Wochen hat sich ja hier nichts mehr getan auf der Seite. Mit guten Gründen. Wir sind aus der Stadt in unser Eigenheim gezogen. Statt Artikel zu schreiben stand erstmal das Verlegen von Laminat und das Zusammenbauen von Ikea-Möbeln im Vordergrund. Und es gibt auch weiterhin viel zu tun in meinem neuen Lebensabschnitt. Nicht nur privat, sondern auch beruflich bin ich stärker eingebunden als noch vor ein paar Monaten. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, den Blog erst einmal auf Eis zu legen und mich nur noch um flickr und Instagram zu kümmern. Ich verzichte bewusst auf die Formulierung, dass ich "schweren Herzens" in die Blogpause wechsel, da ich nichts, was ich zugunsten meiner Familie entscheide, schweren, sondern leichten Herzens tue. Und wo eine Pausetaste ist, gibt's bestimmt auch irgendwo einen Resetknopf. Bleibt mir gewogen.

4 Kommentare - “Auf den Spuren der Roten Khmer”

  1. frauke Sagt:

    Klasse geschriebener Beitrag mit tollen Fotos! VG von einer Asien-Reisenden :)

    Antwort

  2. Marko L. Sagt:

    Da kann ich Frauke nur zustimmen! Ein toller Beitrag, der einen teilweise sogar mitgenommen hat

    Antwort

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